Kurzfassung und Gesamtüberblick der Meilensteine

Die Reformation in Lübeck

Seit dem Jahr 1518 hielten die Ideen Luthers und seiner reformatorisch gesinnten Weggefährten Einzug in Lübeck. Was als Bemühung um eine Verbesserung und Neuordnung der religiös-kirchlichen Verhältnisse begann, wurde in Lübeck bald auch eine politische Bewegung: Teile der Bürgerschaft strebten Mitherrschaft am Stadtregiment an und so kam es zeitweise zu revolutionsartigen politischen Zuständen in Lübeck.

Vor allem über Wanderprediger, Druckschriften und studierende Kaufmannssöhne gelangte die neue Lehre in die Hansestadt. Gefördert wurde die rasche Verbreitung der neuen Lehre in den 1520er Jahren auch durch mehrere Lübecker Drucker, die sich für Inhalte im lutherischen Sinn engagierten.

In Lübeck entzündete sich die Kritik an den überkommenen kirchlichen Verhältnissen in erster Linie am priesterlichen und persönlichen Verhalten der hohen (katholischen) Geistlichkeit am bischöflichen Dom. Der Unmut über die Vernachlässigung seelsorgerischer Aufgaben und den Umgang mit Pfarrstellen als Finanz- und Handelsgut war erheblich; auch die vielen Privilegien der Domgeistlichkeit waren Stein des Anstoßes. Das reformatorische Gedankengut blühte in den ersten Jahren weitgehend im Verborgenen auf, am stärksten in der Schicht der Kaufleute. Daraus entstand dann binnen weniger Jahre bis 1523 eine evangelische Frömmigkeitsbewegung mit immer breiterer sozialer Basis; auch Handwerker (vor allem im Aegidienviertel) und Unterschichten schlossen sich vermehrt den neuen Gedanken auf und an.

Allmählich wurde die lutherische Bewegung in Lübeck so zu einer Volksbewegung. Der Rat der Hansestadt hielt hingegen strikt an den alten kirchlichen Verhältnissen fest und versuchte auf vielen Wegen, die evangelischen Neuerungsbestrebungen zu unterbinden. Im September 1526 ließ die Stadtobrigkeit öffentlich lutherische Schriften auf dem Markt verbrennen. Allerdings wurde die Position des Rates entscheidend dadurch geschwächt, dass er von der Bürgergemeinde die Zustimmung zu Sondersteuern benötigte; dadurch bekamen die Anhänger Luthers in der Stadt ein entscheidendes Druckmittel in die Hand. Durch neue Protestformen („Singekrieg“: Absingen von Psalmen gegen den katholischen Messgottesdienst) gelang es ihnen schließlich Ende 1529/1530, Fortschritte im evangelischen Sinne durchzusetzen und evangelische Prediger an den vier Innenstadtkirchen zu etablieren.


Der endgültige Durchbruch zur Erneuerung der kirchlichen Strukturen und der Gottesdienstordnung gelang am 30. Juni 1530, als die bürgerlichen Opponenten, darunter viele „Martinianer“ (Anhänger Luthers), dem Rat einen Forderungskatalog vorlegten, der neue politische Mitspracherechte der Bürger sowie die vollständige Einführung der Reformation festschrieb. Als der Rat aus Angst vor Unruhen diesem Katalog widerstrebend zustimmte, der auch die Erstellung einer evangelischen Kirchenordnung verlangte, war das das Ende der katholischen Messe in Lübeck (auch im dem katholischen Bischof unterstehenden Dom). Die Reformation hatte sich durchgesetzt. Sie wurde 1531 durch eine von dem Reformator Johannes Bugenhagen aus Wittenberg erarbeitete Kirchenordnung abgesichert.


Dr. Jan Lokers
Archiv der Hansestadt Lübeck

 

 

Meilensteine der Reformation in Lübeck

von Dr. Jan Lokers


Luthers Thesen aus dem Jahr 1517 und sein zunächst rein religiös gemeintes Bekenntnis inspirierten auch in Lübeck eine von Bürgern und Einwohnern vorangetriebene völlige Neuordnung der bisherigen religiös-kirchlichen Verhältnisse. Vom ersten Eindringen seiner Ideen in die Stadt bis zur Einführung der Reformation im Jahr 1530 dauerte es nur 12 Jahre. Der Reformator selbst kam zwar nie nach Lübeck, aber was hier passierte fand, wie mehrere Briefe zeigen, sein reges Interesse. Das war kein Wunder, denn Lübeck zählte am Anfang des 16. Jahrhunderts als Reichs- und Hansestadt zu den führenden Metropolen in Nordeuropa und was hier geschah, war bedeutsam für die Gesamtentwicklung der Erneuerung des Kirchenwesens in Deutschland.
Die religiös-kirchlichen Veränderungen gingen in Lübeck Hand in Hand mit revolutionsähnlichen politischen Vorgängen; man kann sagen, dass sich die Lübecker Reformation auch aus dem Geist des Aufruhrs bürgerlicher Schichten gegen das Regiment des Rates speiste. Während aber die Neuerungen auf kirchlichem Gebiet dauerhaft waren und im Prinzip bis heute gültig sind, erhielten sich die politischen Neuerungen, die die Bürgergemeinde sich im Zusammenhang mit der Reformation erfocht, nicht über das Jahr 1535 hinaus.

 

1518

Der Beginn
Martin Luthers Theologie fasste seit etwa 1518 auch in der Hansestadt Fuß. Die Kritik an den kirchlichen Verhältnissen entzündete sich hier am schärfsten am Verhalten der (aus heutiger Sicht katholischen) hohen Geistlichen an der Lübecker Domkirche (Domkapitel); die Domherren zogen wegen ihres Lebenswandels und der Vernachlässigung ihrer priesterlichen Aufgaben vielfach Unmut auf sich. Insgesamt umfasste das geistliche Personal in der Stadt zu dieser Zeit etwa 400 Personen. Das Domkapitel war Oberhaupt aller Kirchen und Geistlichen in Lübeck, viele Domherren waren verwandtschaftlich mit den Ratsfamilien verbunden. In Kirchenfragen zogen daher der Lübecker Rat und die hohe Geistlichkeit an einem Strang; es verwundert nicht, dass man sich gemeinsam so lange als möglich allen Forderungen der Bürgeropposition nach Kirchenerneuerung widersetzte, wobei die treibende Kraft des antireformatorischen Kampfes die Stadtobrigkeit war.


Wie und wann kamen die Ideen Luthers und seiner Mitstreiter nach Lübeck? Hier gab es mehrere Kanäle. Seit 1518 gelangte der Wunsch nach Erneuerung der Kirche zum einen über Flugschriften und Bücher in die Hansestadt; auch brachten von ihren Reisen zurückkehrende Kaufleute die Kunde von den neuen Ideen. Ein wichtiger Ausgangspunkt für die reformatorische Bewegung waren schließlich Wanderprediger sowie Lübecker Bürgersöhne, die in Wittenberg studierten. Anders als wir Heutigen wusste niemand der Zeitgenossen, dass man damit eine Bewegung förderte, die letztlich zur Kirchenspaltung führen sollte. In den ersten Jahren zeigte sich das reformatorische Gedankengut weitgehend nur im Verborgenen, das heißt, die neue Form der deutschen Predigt und die selbständige Beschäftigung mit der Bibel fand Einzug in die privaten Stuben von Kaufmannsfamilien. Die Reformation begann in Lübeck somit unorganisiert. Gleichwohl entstand daraus binnen weniger Jahren eine evangelische Frömmigkeitsbewegung mit immer breiterer sozialer Basis; auch Handwerker und Unterschichten schlossen sich vermehrt den neuen Gedanken auf und an.

 

1523

Die lutherische Lehre verbreitet sich in der Stadt
Seit 1523 erhielt die lutherische Bewegung in Lübeck immer stärkeren Zulauf und wurde zu einer Volksbewegung. Einige Prediger wagten sich mutig in die Öffentlichkeit und traten als Sprecher der evangelisch Gesinnten auf. Der Kaplan an St. Marien Johannes Fritze war einer von ihnen. Zu diesen Auftritten gehörte Mut, weil der Rat der Hansestadt, wie erwähnt, strikt an den alten kirchlichen Strukturen und an der katholischen Messe festhielt und zunehmend schärfer gegen die evangelischen Neuerer vorging. Der Druck, die Verbreitung, der Besitz und das Lesen von lutherischem Schrifttum wurden 1524 unter Strafe gestellt. Doch der Stein war ins Rollen gebracht, genährt auch durch die seit längerem schwelende Kritik an den Missständen in der Kirche, wie etwa das ausufernde Pfründenwesen (Ansammlung von Pfründen/Kirchenämtern in einer Hand) und die Nicht-Einhaltung des Zölibats.

Es kam zu Störungen der herkömmlichen Gottesdienste und sogar zu tätlichen Angriffen auf Personen des geistlichen Standes (Klerus) auf öffentlicher Straße. Die Inhaftierung des bedeutenden evangelischen Wanderpredigers Johann Osenbrügge im Jahr 1524, den der Rat bis 1528 ins Gefängnis warf und anschließend auswies, sollte als Warnung dienen und der Verbreitung der „ketzerischen“ Reden und den Störungen des Stadtfriedens Einhalt gebieten. Der Rat befürchtete, die religiösen Stimmungen könnten sich zu einem allgemeinen Aufruhr auswachsen. An der Spitze der Verteidiger der alten Religionsverhältnisse stand Lübecks Bürgermeister Nikolaus Brömse, der konsequent den antireformatorischen Kurs vertrat. In seiner Haltung erhielt er – wie die anderen Mitglieder des Rates der Reichsstadt Lübeck – Rückhalt von Kaiser Karl V., auch wenn dieser letztlich nur wenige Möglichkeiten besaß, seinen Machtworten im Norden wirklich Geltung zu verschaffen.

 

1526

Öffentliche Verbrennung von reformatorischen Schriften auf dem Markt
Ohne die Erfindung des Buchdrucks, sagt man, hätte die Reformation kaum mit solcher Geschwindigkeit und diesem Erfolg um sich greifen können. Lübeck stand bei der Medienrevolution mit an vorderster Stelle, weil sich in der Stadt ansässige Drucker sehr für die Verbreitung von Literatur mit reformatorischem Inhalt stark machten. Aus dem Kreis der bedeutenden ideellen und praktischen Vervielfältiger der neuen Ideen in Lübeck seien nur zwei genannt: 1520 hatte es Hans Arndes gewagt, eine Lutherschrift zu publizieren; 1529 förderte er die Sache der Reformation erneut durch den Druck einer Schrift von Johannes Bugenhagen (1485-1558), ein Weggefährte Luthers. Johannes Balhorn (gest. 1573) war der Drucker, der durch seine Arbeit am stärksten für die Verbreitung von Kirchenkritik und Reformation sorgte; aus seiner Werkstatt ging 1528 die niederdeutsche Fassung einer Lutherschrift ebenso hervor wie viele weitere evangelische Bücher, darunter die Lübecker Kirchenordnung von 1531.


Trotz des Verbots und aller weiteren Unterdrückungsmaßnahmen waren Verbreitung und Rezeption der aus der Sicht des altgläubigen Rates „ketzerischen“ Schriften nicht einzudämmen; der Rat inszenierte daher am 11. September 1526 eine öffentliche Verbrennung lutherischer Schriften auf dem Markt, um ein deutliches Zeichen zu setzen. Wie stark das evangelische Lager in der Stadt bereits gewachsen war, ist daran zu erkennen, dass seit dem Frühjahr 1528 der Kaplan Johannes Walhoff in St. Marien und der Pleban (Weltpriester) Andreas Wilms in St. Aegidien die neue Lehre unter großem Zulauf verkündeten. Allerdings setzte der Bischof ihrer Tätigkeit bald ein Ende, entfernte sie aus ihrem Amt, und beide mussten die Stadt verlassen. Einen sich darauf spontan regender Protest ihrer Anhänger auf dem Markt beantwortete der Rat mit einem Verbot solcher Versammlungen unter Androhung der Todesstrafe.


Entscheidend für den weiteren Gang der Dinge wurde es, dass die Martinianer ihre Forderungen mit politischen Anliegen der Bürgeropposition verknüpften. Die Hansestadt Lübeck befand sich seit Beginn des 16. Jahrhunderts immer wieder in kriegerischen Auseinandersetzungen mit Dänemark und anderen Parteien, was den Handel schädigte und viel Geld erforderte. Schulden waren die Folge. Um diese tilgen zu können und außenpolitisch handlungsfähig zu bleiben, war der Rat auf zusätzliche Steuern angewiesen. Aber obgleich Bürgermeister und Rat viel Macht in der Stadt besaßen: Solche neuen Sondersteuern konnten sie nicht ohne Zustimmung der „Gemeinde“ erheben, die sich aus den geschworenen Bürgern (Kaufleute, Handwerker u.a.) zusammensetzte. Im Frühjahr 1528 nutzten diese die Situation für sich und forderten im Gegenzug für die Steuerbewilligung „gude predikanten“, also die Berufung evangelischer Prediger. Noch konnten sich die evangelisch Gesinnten unter den Bürgern damit aber nicht durchsetzen.

 

1529

Singekrieg
Der Ruf nach Veränderungen im Kirchenwesen war damit aber nicht zum Schweigen gebracht, zumal man 1528 in Lübeck wusste, dass die Sache der Reformation in den hansischen Nachbarstädten schon erheblich weiter gediehen war, so etwa in Hamburg und Braunschweig. In Bremen hatte die evangelische Predigt bereits 1525 die Kanzeln erobert. In diesem Umfeld war es nur eine Frage der Zeit, wie lange der Lübecker Rat seine konservative Haltung würde behaupten können. Der Versuch des Rates, über kaiserliche Mandate, die alle Neuerungen auf kirchlichem Gebiet verboten, die bereits starke evangelische Bewegung zu unterdrücken, führte aber zu deren Stärkung, anstatt sie zu schwächen. Es begann ein Hin und Her wechselseitiger Forderungen: Der Rat wollte die Zustimmung der Bürgergemeinde zu neuen Sondersteuern, diese konterte mit dem wiederholten Verlangen nach „guten Predigern“. Angesichts der Hinhaltetaktik des Rates in religiösen Fragen fanden die „Martinianer“ zu einer neuen Form des Protestes: Im Dezember 1529 begannen sie zunächst in St. Jakobi und im Dom damit, nach der Predigt evangelische Psalmgesänge anzustimmen, darunter Luthers „Ach Gad vom hemel seh darin“. Niederdeutsche Choräle waren auch andernorts ein wesentliches Kampfmittel der evangelischen Bewegung. In Lübeck zählten sie zu den wirkungsvollsten Hebeln zur Durchsetzung der Reformation.

 

1530

Die Durchsetzung der Reformation
Immer klarer und radikaler formulierte die Bürgeropposition Ende 1529/Anfang 1530 ihr Verlangen nach Abschaffung der alten Gottesdienstordnung und Mitwirkung an der Regierung der Stadt. Ein Erfolg, erreicht über das Druckmittel der Steuerbewilligung, war die Einberufung eines Ausschusses mit 64 Männern, der in Finanz- und Kirchenfragen vom Rat zu beteiligen war. Zu Beginn des Jahres 1530 erreichten die Neugläubigen im Ausschuss, dass die beiden vom Bischof vertriebenen Priester Wilms und Walhoff wieder in ihre Predigtämter an St. Petri bzw. St. Marien zurückkehren konnten. Luther und Bugenhagen wandten sich mit einem Brief an die beiden und gaben Ratschläge zur Verbreitung der neuen Lehre. Wilms und Walhoff waren damit die ersten berufenen evangelischen Prediger der Stadt.


Schritt für Schritt erzielten die reformatorisch Gesinnten weitere Erfolge, so am 7. April 1530, als festgelegt wurde, dass die Predigt an den vier Kirchspielkirchen und in den Klöstern nur noch den evangelischen Prädikanten erlaubt sein sollte. An St. Aegidien wurde zudem das evangelische Abendmahl zugelassen. Sonst aber sollte an den überkommenen Formen des Gottesdienstes und den damit zusammenhängenden Kirchenstrukturen festgehalten werden.


Die evangelisch Gesinnten hatten bis dahin noch nicht das Äußerste in ihren Forderungen gewagt, weil sie nicht als Aufrührer vom Rat angeprangert werden wollten. Eine drohende Verhängung der Reichsacht wegen Ungehorsams gegen die Obrigkeit war eine Sache, mit der nicht zu spaßen war. Der Rat seinerseits hoffte, mit seinen Zugeständnissen Zeit zu gewinnen. Als jedoch Brömse und seine Mitstreiter im Rat versuchten, mit Hilfe des Kaisers die schon gewährten Zugeständnisse an die „Martinianer“ durch eine Gegenreformation rückgängig zu machen und die „Tyrannei“ der Bürgerausschüsse gewaltsam zu beenden, überspannten sie den Bogen. Gerüchte um Gewaltmaßnahmen gegen die Evangelischen in der Stadt brachten das Fass zum Überlaufen. Am 30. Juni 1530 legten die Opponenten dem Rat einen Forderungskatalog vor, der das Ende der katholischen Messe, die vollständige Einführung der Reformation sowie bürgerliche Mitbestimmungsrechte beim Stadtregiment festschrieb. Als der Rat aus Angst vor Unruhen dem Katalog widerstrebend zustimmte, und damit die Erstellung einer evangelischen Kirchenordnung billigte, hatte sich die reformatorische Bewegung in Lübeck endgültig durchgesetzt.


Der 30. Juni 1530 ist damit der entscheidende Tag der lübeckischen Reformationsgeschichte. An die Stelle des katholischen Messgottesdienstes trat in allen Kirchen (mit Ausnahme des bischöflichen Domes) ohne Einschränkung ein evangelischer Gottesdienst; die katholischen Kirchenstrukturen wurden danach vollständig beseitigt. Hatten die Kirchspielkirchen in der Stadt bis dahin dem Domkapitel gehört, wurde die gesamte Geistlichkeit der Stadt nun der Aufsicht und Verwaltung der Stadtobrigkeit unterstellt. Am 2. Juli wurde unter dem Druck der Bürgergemeinde die Messe auch am Dom eingestellt. Alles in allem war das ein sehr radikaler Bruch mit den alten kirchlichen Verhältnissen!

 

7.1 Episcopalia 164 r

Abbildung 1: Urkunden Archiv Hansestadt Lübeck Episcopalia 164
1531 November 14: Johannes Louwe, Senior, Wilhelm von Calven, Scholastikus und das ganze Domkapitel überlassen dem Rat und den Vierundsechzigern alle Rechte, die sie bis dahin von den vier Kirchspielskirchen und in den Kapellen der Stadt besessen haben (siehe Prange, Bischof und Domkapitel, S. 302.)


Das Erreichte musste wie andernorts durch eine Kirchenordnung abgesichert werden. Man holte dazu aus Wittenberg den Reformator Johannes Bugenhagen, der bereits für Braunschweig (1528) und Hamburg (1529) ein Programm für die Neuorganisation der Kirche erarbeitet hatte. Diese Ordnung sollte das Programm Luthers ins Praktische bei Predigt und kirchlichem Leben umsetzen sowie Schul- und Armenwesen im evangelischen Sinne regeln. Am 27. Mai 1531 wurde die von Bugenhagen entworfene Kirchenordnung von Rat und Bürgerausschuss verabschiedet: „Der Keyserliken Stadt Lübeck Christlike Ordeninge“. Diese änderte nur das, was mit der evangelischen Grundeinstellung nicht zu vereinbaren war; Bugenhagen war nach Einschätzung der historischen Forschung ein „konservativer Reformator“. Dem Rat wurde eine Oberaufsicht über die Finanzverwaltung, die Pfarrbesoldung, die Bauunterhaltung und die Armenpflege eingeräumt. Zusammen mit dem Bürgerausschuss erhielten Bürgermeister und Rat die Befugnis, das neue Amt des Superintendenten, der als Aufsichtsinstanz über die Geistlichen fungierte, einzusetzen. Der Rat erhielt durch die Reformation die Rolle des obersten Kirchenherrn, was ihm ermöglichte, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein einen maßgeblichen Einfluss auf Lübecks lutherische Kirche auszuüben. Dazu gehörte auch, dass die an sich weltoffene Handelsstadt zu einer Hochburg des orthodoxen Luthertums (eine sich streng an den Inhalten der Bibel orientierende, abschließende Glaubensauffassung) wurde, das die Gemeindebildung etwa von Reformierten und Katholiken zu verhindern suchte und sich bei vielen Gelegenheit stark antijüdisch äußerte.
Politisch drehte sich in Lübeck nach Einführung der Reformation das Rad immer schneller. Als Brömse und seine Mitstreiter ohne Erfolg versuchten, den Kaiser zum Einschreiten in Lübeck zu bewegen, was die Verhaftung der „Aufrührer“ und die Rückgängigmachung der Reformen einschloss, beförderten sie damit ein weiteres Mal die Radikalisierung der Bürgergemeinde. Auf deren Druck hin musste der Rat 1530 und 1531 Bestimmungen zustimmen, die eine noch stärkere Beteiligung der Bürger an der Regierung der Stadt vorsahen, und zudem das Recht des Rates beschränkten, sich nur aus einem kleinen, exklusiven Kreis von Ratsfamilien zu erneuern. Es wurden neue Ratsherren gewählt, die bis dahin vom Rat ausgeschlossen gewesen waren und die alle zu den Evangelischen gehörten. Und es kam zu Übergriffen gegen die alte katholische Führungsschicht in der Stadt.

 

Nach 1535

Das politische Rad dreht sich zurück, aber die Reformation bleibt
Die Reformation hatte 1530 in Lübeck den Durchbruch geschafft und die neue Lehre festigte sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Das reformatorische Bekenntnis war aber noch längst nicht in allen Köpfen und Gefahren von außen und innen gab es genug.


1535 verloren die neuen tonangebenden Kreise im Lübecker Rat den Rückhalt in und außerhalb der Stadt. Die Gründe sind in außenpolitischen und militärischen Rückschlägen zu suchen, die Lübecks Lage sehr schwächten. Der Kaiser verlangte bei Strafe der Reichsacht die Wiederherstellung der alten Verfassung, d.h. vor allem die Wiedereinsetzung des alten Rates und die Auflösung der Bürger-Ausschüsse. Mit anderen Worten: Die alte politische Ordnung sollte wiederhergestellt werden. Und so kam es; der aus der Stadt entwichene Bürgermeister Brömse kehrte zurück. Verwunderlich ist auf den ersten Blick, dass eine Wiederherstellung der alten kirchlichen Ordnung nicht gefordert wurde, obwohl dies nahegelegen hätte. Der alte Rat hatte sich ja mit aller Macht gegen die neue Lehre gewehrt. Und dennoch wagte er es nicht, in dieser für ihn politisch vorteilhaften Situation die Uhr auch in der Kirchen- und Religionsfrage zurückzudrehen.

 

Warum nicht?

Zum einen lag das an den allgemeinen politischen Umständen im Reich: 1532 war ein Religionsfriede verkündet worden („Nürnberger Anstand“); Eingriffe in das neu geordnete Kirchenwesen hätten neue Unruhe provoziert. Zudem erkannte die Bürgergemeinde jetzt, 1535, die Rückkehr zur alten Ratswahlordnung an und verpflichtete sich eidlich zum Gehorsam gegenüber der alten Führungselite um Bürgermeister Brömse. Der Rat seinerseits hatte inzwischen erkannt, welche Vorteile es mit sich brachte, nach der umstürzenden Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse zur neuen Obrigkeit über die Kirche geworden zu sein. Zudem bestimmte er nun auch über das gesamte Bildungs- und Armenwesen in der Stadt.


Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 war der evangelische Konfessionsstand auch in Lübeck gesichert, die „heiße“ Phase der religiösen Umwälzung und kirchlichen Strukturveränderungen war damit abgeschlossen. Kirchengeschichtlich endete hier endgültig das Mittelalter.


Dr. Jan Lokers
Archiv der Hansestadt Lübeck


Literatur:
Hauschild, Wolf-Dieter, Kirchengeschichte Lübecks. Christentum und Bürgertum in neun Jahrhunderten, Lübeck 1981.
Hauschild, Wolf-Dieter, „Suchet der Stadt Bestes“. Neun Jahrhunderte Staat und Kirche in der Hansestadt Lübeck. Hrsg. von Antjekathrin Graßmann und Andreas Kurschat, Lübeck 2011.
Prange, Wolfgang, Der Wandel des Bekenntnisses im Lübecker Domkapitel 1530 – 1600. Lübeck 2007 (Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck, hrsg. vom Archiv der Hansestadt Reihe B, Bd. 44).
Prange, Wolfgang, Bischof und Domkapitel zu Lübeck. Hochstift, Fürstentum und Landesteil 1160-1937 (Einzelveröffentlichungen des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde), Lübeck 2014.

 

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Dr. Jan Lokers